Gehörlose Beschäftigte arbeiten erfolgreich am Universitäts­klinikum Hamburg-Eppendorf

Gehörlose Menschen sehen einfach besser


Instrumentenaufbereitung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Im Zuge der Inklusion soll der Arbeitsmarkt für alle geöffnet werden – gleichzeitig beklagen Kliniken einen Personalnotstand. Unser Beispiel am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigt, wie ein engagierter Schwerbehindertenvertreter sich dafür einsetzt, gehörlose Menschen dauerhaft einzustellen.

Junge Frau lächelt zu Kollegen.
Krankenhaus Mitarbeiter säubern das Operationsbesteck.

Klinik Logistik & Engineering GmbH

KLE steht für Klinik Logistik & Engineering GmbH. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, einer der modernsten und größten Kliniken Europas, die 13.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Die KLE koordiniert und optimiert mit ihren insgesamt 530 Mitarbeitern für die Universitätsklinik alle logistischen Prozesse von der Patientenbeförderung über die Materialversorgung bis hin zur Lagerverwaltung und Entsorgung. 

0 13.500

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

0 530

Mitarbeiter bei der KLE verantworten die logistischen Prozesse im Universitätsklinikum

0 60

Mitarbeiter in der Instrumentenaufbereitung

0 8

Mitarbeiter in der Instrumentenaufbereitung mit einer Hörbehinderung

Inklusion ernsthaft betreiben

Der Mann ist ein Hamburger Urgestein. Seit 15 Jahren arbeitet Jürgen Ehlers in der Schwer­behinderten­vertretung und im Betriebsrat der Hamburger KLE. Vertrauensperson Jürgen Ehlers ist umtriebig – im besten Sinne. Neben seinem Job bei der KLE ist er Arbeitsrichter am Landes­arbeitsgericht der Stadt und Mitglied in der Arbeits­gemeinschaft der Schwer­behinderten­vertretungen in der Hamburger Wirtschaft, kurz ARGE SBV. „Ich finde, das sind drei Bereiche, die wunderbar ineinandergreifen“, sagt er. In allen dreien lerne er täglich hinzu. Eine seiner Erfahrungen: Die Schwerbe­hinderten­vertretung werde meist nicht so richtig wahrgenommen, da passe es gut, wenn man sich zusätzlich im Betriebsrat engagiere. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, Inklusion ernsthaft zu betreiben und nicht nur als Mauerblümchen zu behandeln“, erklärt der 62-Jährige sein Engagement.

Nicht nur gleich gut. Auf einer Sitzung der ARGE SBV im Jahr 2018 hatte Ehlers dann aufmerksam einem Vortrag der Schule für gehörlose Menschen gelauscht. Der Tenor: Menschen mit Behinderung können vieles nicht nur gleich gut, sondern teilweise auch besser als Menschen ohne Behinderung. So hören blinde Menschen besser als Menschen ohne Sehbehinderung und Gehörlose können besser oder anders sehen. „Da habe ich direkt an unsere Instrumenten­aufbereitung gedacht“, erzählt der ausgebildete Rettungs­sanitäter. Früher haben die OP-Teams des Universitäts­klinikums Eppendorf nebenher die Instrumente selbst gereinigt. Dann wurde der Bereich 2007 in die KLE ausgegliedert, auch weil das OP-Material im Laufe der Zeit immer komplexer wurde.

2019 hat Ehlers die KLE-Geschäftsleitung überzeugen können, zwei gehörlosen Menschen ein Praktikum in diesem Unternehmensbereich zu ermöglichen. Die beiden hätten sich im Praktikum so gut bewährt, dass sie sofort eingestellt wurden, sagt er. Auch im Fortbildungs­bereich konnten sich die neuen Mitarbeiter direkt profilieren: Die zertifizierten Fachkunde­prüfungen I, II und III haben sie direkt bestanden. „Mit diesen Prüfungen kann man überall in Deutschland in den Instrumenten­aufbereitungen in Krankenhäusern oder Arztpraxen tätig werden“, erklärt der Betriebsrat. Das sei ein Beruf mit Zukunft. Die Handelskammer Hamburg, erzählt Jürgen Ehlers, wolle aus diesem neuen Berufsbild jetzt einen dreijährigen Ausbildungsberuf, den Sterilgut-Aufbereitungsassistenten, entwickeln. Die erfolgreiche Einstellung der zwei gehörlosen Beschäftigten motivierte die KLE zu weiteren: Aktuell arbeiten im Bereich der Instrumenten­aufbereitung acht Gehörlose im Alter von 25 bis 50 Jahren.

Wo nicht gelacht wird, wird auch nicht gearbeitet!
Jürgen Ehlers, Vertrauensperson am UKE in Hamburg

Gestärkte Sinne

Gehörlose Menschen können komplexer schauen. So sind auch die Fehlerquoten des Qualitäts­managements im Bereich Instrumenten­aufbereitung gesunken. Hier zeige sich deutlich, dass die Einstellung von Menschen mit Behinderung auch ein Gewinn für das Unternehmen sein kann, sagt Ehlers, der sein Projekt auch der Geschäftsführung verkaufen muss. Ehlers' aktuelles Ziel ist die Ausbildung von Kommunikations­assistenten in der KLE – dies zusammen mit der Agentur für Arbeit und dem Integrationsamt Hamburg. „Mitarbeiter in einem Krankenhaus sollten auch immer soziale Verantwortung übernehmen“, sagt er. Im Unterschied zu einem spezialisierten Gebärdensprach­dolmetscher könnten Kommunikations­assistenten die tägliche Kommunikation mit den Gehörlosen übernehmen. Bislang wird der Einsatz der spezialisierten Gebärdensprach­dolmetscher immer von langer Hand geplant, was den spontanen Austausch mit den gehörlosen Mitarbeitern natürlich erschwere, sagt Ehlers.

Neue Jobs für Pflegekräfte? Die Idee des Schwerbehinderten­vertreters: Vielleicht gebe es die eine oder andere Pflegekraft, die nicht mehr direkt am Bett, auf der Station arbeiten kann, die aber eine Fortbildung zum Kommunikations­assistenten machen kann. Der Vorteil der neuen Spezialisten, die in einer Weiterbildung von mindestens sechs Monaten die Gebärdensprache lernen müssten: Sie sind vor Ort, könnten flexibel eingesetzt werden und würden wahrscheinlich nur noch zum Teil in ihrem alten Job arbeiten. Hamburg und Berlin starten gerade eine Initiative, Kommunikations­assistentinnen und -assistenten in Fortbildungen zu schulen.

Zukunftsorientierte Weiterentwicklung

Gibt es auch positive Entwicklungen in der Corona-Krise?

Für das Integrationsamt Hamburg ist die Förderung von Gehörlosenprojekten kein Neuland. „Wir haben schon mit den Konzernen Airbus oder Lufthansa entsprechende Projekte vorangebracht“, sagt Markus Drosten, beim Integrationsamt der Hansestadt für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Auch deshalb weiß Drosten, wie wichtig die Kommunikation im Team ist, wenn Gehörlose mitarbeiten. Aus diesem Grund hat er zusammen mit Jürgen Ehlers ein einwöchiges Arbeits­kollegen­seminar geplant, das im Reha-Zentrum Rendsburg stattfindet. Mit verschiedenen Methoden sollen hörende und gehörlose Beschäftigte neue Kommunikations­möglichkeiten kennenlernen, Verständigungs­schwierigkeiten abbauen und mehr Selbstsicherheit gewinnen. Das Seminar wird vom Integrationsamt Hamburg finanziert.

Direkte Kommunikation erleichtern. Bei der KLE ist man mit der Zusammenarbeit mit dem Integrationsamt sehr zufrieden. Im Gehörlosen-Projekt der KLE hat das Integrationsamt Hamburg die kompletten Kosten der Gebärdendolmetschung übernommen. Auch bei der Eingliederung – die Einstellung eines Menschen mit Behinderung wird mit einem Eingliederungszuschuss durch die Agentur für Arbeit gefördert – war das Integrationsamt Hamburg behilflich. Aktuell spricht KLE-Mann Ehlers mit dem Integrationsamt über eine technische Anpassung des „Nassbereichs“ der Instrumentenaufbereitung – hier werden die OP-Instrumente vorgespült. „Das ist ein Bereich, in dem noch viel über Zuruf gearbeitet wird, deswegen können Gehörlose hier noch nicht eingesetzt werden“, sagt er. Mit einer Steuerung über Lampen solle sich das aber bald ändern. Daneben diskutiert Jürgen Ehlers die Anschaffung von Tablets, die eine direkte, schnelle Kommunikation mit den gehörlosen Mitarbeitern erleichtern sollen. Hier könne auch mal – bei Bedarf – eine Gebärden­dolmetscherin zugeschaltet werden.

Von Inklusion profitieren. Generell soll im Zuge der Inklusion der Arbeitsmarkt für alle geöffnet werden – gleichzeitig beklagen Kliniken einen Pflegenotstand. Große Krankenhaus­betriebe werden sich immer mehr bewusst, wie gut auch Menschen mit Behinderung in den unterschiedlichsten Abteilungen eingesetzt werden können. „Und das ist auch noch prima für die Außendarstellung“, ergänzt Ehlers. Heute arbeiten 70 Menschen mit Behinderung im großen Team der 530 KLE-Mitarbeiter. Als er 2006 in der KLE angefangen habe, seien es lediglich zwölf gewesen.

Wir haben über 50.000 unterschiedliche Instrumente, die für jede OP einzeln zusammen­gepackt werden. Da ist es elementar wichtig zu schauen und nicht zu hören.
Jürgen Ehlers, Vertrauensperson am UKE in Hamburg

Die Instrumentenaufbereitung der KLE

2 Mitarbeitende in Ganzkörper-Kitteln und mit Gesichtsvisier und dicken Handschuhen bereiten das verunreinigte OP-Besteck für die Spülmaschine vor.

Die Instrumente werden für die Reinigung in einer Industriespülmaschine vorbereitet. © BIH / Rupert Oberhäuser

Zwei Mitarbeitende, beide in Kittel, Haube und Maske, befüllen Drahtkörbe mit blauen Päckchen. In den Päckchen befinden sich die für jede OP individualisierten OP-Kits.

Die Mitarbeitenden bereiten die fertig gepackten OP-Kits für die Sterilisation vor. © BIH / Rupert Oberhäuser

Zwei Mitarbeitende sind an ihren Arbeitsplätzen zu sehen. Beide tragen Kittel, Haube und Maske.

In der Instrumentenaufbereitung wurde auch vor der COVID-19-Pandemie schon Schutzkleidung getragen. © BIH / Rupert Oberhäuser

Zwei Mitarbeitende sind im Gespäch. Beide tragen Kittel, Haube und Maske. Einer der Mitarbeiter hat ein OP-Instrument in der Hand. Auf dem Arbeitsplatz vor ihnen liegen Körbe mit weiterem OP-Besteck.

Die Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Mitarbeitenden funktioniert gut. © BIH / Rupert Oberhäuser

Nahaufnahme einer OP-Schere, die von zwei Händen gehalten wird, während der nicht im Bild befindliche Mitarbeiter diese prüft.

Jedes Besteck wird einzeln auf Schäden und Verunreinigungen geprüft. © BIH / Rupert Oberhäuser

Ein Mitarbeiter in Krankenhauskittel, Mütze und Maske betrachtet ein OP-Instrument und überprüft es auf Fehler und Verunreinigungen.

Eine Mitarbeiterin checkt jedes Instrument, bevor es wieder in ein OP-Kit einsortiert wird. © BIH / Rupert Oberhäuser

Die Instrumente werden für die Reinigung in einer Industriespülmaschine vorbereitet. © BIH / Rupert Oberhäuser

Die Mitarbeitenden bereiten die fertig gepackten OP-Kits für die Sterilisation vor. © BIH / Rupert Oberhäuser

In der Instrumentenaufbereitung wurde auch vor der COVID-19-Pandemie schon Schutzkleidung getragen. © BIH / Rupert Oberhäuser

Die Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Mitarbeitenden funktioniert gut. © BIH / Rupert Oberhäuser

Jedes Besteck wird einzeln auf Schäden und Verunreinigungen geprüft. © BIH / Rupert Oberhäuser

Eine Mitarbeiterin checkt jedes Instrument, bevor es wieder in ein OP-Kit einsortiert wird. © BIH / Rupert Oberhäuser